rainer rosenberg

 

 

Hauptsache es rollt

 

 

Circa 40 Jahre später.*

9.7.2018

 

Was schaut zum Fenster herein? Ein dicker schwarzer Auspuff eines LKW. Der Auspuff ist an der linken Wagenseite und mein kleines Auto ist rechtsgesteuert. Englisch. Im Plexiglas-Fenster eine kreisrunde Öffnung. Etwas größer als das schwarze Auspuffloch. Hoffentlich gibt der Lastwagenfahrer nicht Gas oder besser gesagt Russwolke. Ich komme rechtzeitig weg von der Kreuzung, die Russwolke bleibt zurück.

Das Auto, in dem ich ein paar Zentimeter über dem Pflaster der Straßen sitze, ist am Kontinent nicht zu kaufen. Und auch sonst nur ganz selten. Und als Testfahrer, der damit eine bequeme Reise tut und danach das Auto zurückgibt, kann ich mich auch nicht präsentieren: Für diesen „Test“ habe ich das Auto nämlich selbst gekauft. Ich wollte wissen, wie man mit einem ökologisch nicht ganz unsinnigen (sehr leicht, mit einer Motorleistung der unteren Mittelklasse, 1800 Kubik, Katalysator) aber sonst völlig unpraktischen Fahrzeug im heutigen Straßenverkehr überleben kann.

Dieses Auto wurde seit den 1960er Jahren in England knapp 50 Jahre lang als Mittelding zwischen Sport- und Rennwagen mit geringen Veränderungen fallweise gebaut. Und eigentlich teste ich hier nicht das Auto sondern mich, kann aber aus Konsumentensicht sofort sagen: ich rate ab, man sollte auf keinen Fall an den Kauf eines Autos für "road & track" denken, um damit zum Supermarkt zu fahren, auch wenn ich dies als heroischer Tester tat. Falls jemand aber die Welt ein wenig vielfältiger machen will, besser und schöner, dann ließe sich sehr gut argumentieren, denn: Das Auto lässt Menschen lächeln. Es ist gerade einen Meter hoch, zirka 3 Meter 50 kurz, und ungeeignet für Personen, die wesentlich größer als 175 Zentimeter sind. Weil die Ginetta so klein ist, wirkt sie nicht bedrohlich, Frauen mögen das („Ist die lieb“ habe ich nicht nur einmal gehört), und schon gar nicht protzig. Einzig einige Kastenwagenfahrer und mancher LKW-Fahrer sind zur Ginetta weniger freundlich als zu einem prestigeträchtigeren Fahrzeug. Ginetta, kleine Gina, ein italienischer Name für einen Sportwagen, der kaum britischer sein könnte, angeblich nach einer Katze benannt, die möglicherweise wegen einer italienischen Schauspielerin (welche Gina könnte das gewesen sein?**)zu ihrem Namen kam, kommt aus einem Familienbetrieb. Erstes Auto 1958 gebaut. Das Rezept: leicht und deshalb schnell. Rohrrahmen und Fiberglas-Karosserie. Ich will jetzt aber nicht die technischen Details näherbringen, zuerst kommt die Bubentraum-Ginetta-Geschichte.

Es muss Anfang 1966 gewesen sein, Jim Clark war gerade zum zweiten Mal Formel1-Weltmeister geworden, da brachte mir mein Vater die Jahresausgabe der schweizerischen „Automobil Revue“ mit. Mit einem Katalog aller Automarken der Welt. Ginetta war darunter, Bizzarini, Cord, Iso Grifo. Inzwischen könnte ich zu jedem dieser Namen eine Geschichte erzählen, aber das führt zu weit. Erkennbar ist: die Lektüre war prägend. Es nützte nichts, dass ich irgendwann alle gesammelten Autozeitschriften (samt den Jahresnummern 1966 und 67 der zweisprachigen „Revue automobile“) verschenkte beziehungsweise wegwarf, „es“ kam wieder. In Gestalt von mehr oder weniger rostanfälligen Alfa Romeos, Citroens oder Saabs. Aber auch die gingen vorüber, wurden verkauft oder ebenfalls hergeschenkt.

Jahrzehnte später drängte sich plötzlich die kleine Gina doch noch in mein Leben. Ich kam drauf, sie gibt es noch als Neuwagen, sogar mit relativ günstigem Preis. In England und Italien. Ich rief bei den Autobauern an, der Juniorchef war am Telefon, wir unterhielten uns prächtig - über Autos und die Familiengeschichte, ich kündigte ein E-Mail betreffs Preisanfrage an, schickte es und warte eigentlich noch heute auf die Antwort. Macht nichts, ich fahre ja inzwischen bereits meinen Testwagen. Selbst gekauft, richtig versichert, seriös. Ich fand nämlich in England ein paar Menschen, die sich um das kulturelle Erbe der Automarke Ginetta kümmern. Einer davon verkaufte mir das Auto und wusste auch einiges zur Sicherheit zu sagen. Es sei schon seltsam, wenn man beim kreisrunden Fenster hinausschaue und nur das Rad eines Lastwagens in Gesichtshöhe hat, aber, die meisten Ginettas seien ja hell lackiert... Aufpassen müsse man auf Landstraßen, wenn das Gras hoch ist, da könne man schon übersehen werden.

Tja, was die helle Farbe betrifft - mein Auto ist asphaltgrau-metallic, also ist Licht am Tag vielleicht doch nicht so schlecht. Und eine funktionierende Hupe. Aber: Gefahren drohen erst, wenn ein Auto fährt, und das wird ja durch einen Kauf nicht garantiert, so sympathisch können die Verkäufer gar nicht sein...

 

*Diesen Text habe ich ursprünglich für Ö1 geschrieben, jetzt möchte ich die Ursprungsmotivation nachliefern: ich hatte gelesen, dass man als über Autos berichtender Journalist länger Fahrzeuge mit ausländischem Kennzeichen benutzen darf. Und so kam ich zu einer längeren Frist, das kleine Auto vor der geplanten Typisierung in Österreich fahren zu dürfen. Ich wurde jedenfalls nie gefragt, war in England versichert und richtete keine Schäden an…

Die Kolumne für „Moment“ hieß übrigens „In Auspuffhöhe“, die erste Szene ergab den Titel dieses Abenteuers mit vier Rädern.

 

** Wer wars? Gina Lollobrigida.

 

„Das ist ein Adler“

1.7.2018